Nachbarschaften

Nachbarschaften

Zum demographischen Wandel gehört auch, dass eine Gesellschaft des langen Lebens im Entstehen ist. Das bedeutet konkret, dass sich die Lebensphase „Alter“ grundlegend ändert. Sie muss von denen, die heute leben, neu erfunden werden, denn dafür gibt es in der Geschichte der Menschheit keine Vorbilder. Schon spricht man vorrangig nicht mehr – wie noch vor 20 Jahren – von den Risiken, sondern von den Potenzialen des Alterns.

Neu ist auch, dass parallel zu einer Phase der stärkeren Individualisierung des Lebens und  der Monetarisierung von immer mehr Lebensbereichen  neue gesellschaftliche Entwicklungen wahrzunehmen sind, die in den vorigen Jahrzehnten so gut wie keine Bedeutung hatten: Dazu gehören  im wirtschaftlichen Sektor die Wiederentdeckung des „Wir“ als wirtschaftliches Gegenmodell zur Profitorientierung, z.B. in einer neuen Genossenschaftsbewegung - und im Sozialen, die Entdeckung des bürgerschaftlichen Engagements und die Wiederentdeckung der  Nachbarschaft als sog. informelle, jedoch bedeutsame soziale Kraft für die innere Gestaltung und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

Es geht also in Zukunft nicht nur darum, die soziale Infrastruktur von Gemeinwesen baulich anzupassen, sondern vor allem auch darum, mehr Bewegung, Leben und Engagement in den Gemeinwesen zu generieren. Gute Zeiten für neue Nachbarschaften  sind zu erwarten.

Von alten und neuen Nachbarschaften

Selbstverständlich gibt es vielerorts die altbewährte Form der Nachbarschaft: Nachbarn, die freundlich miteinander umgehen und sich im Alltag unterstützen. Blumen gießen im Urlaub, sich gegenseitig Werkzeug ausleihen, sich beim Transport von schweren Gegenständen helfen usw. usw..  Damit erleichtert man sich unter Nachbarn das Leben und kann sich gegenseitig ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Solche funktionierenden Nachbarschaften entstehen manchmal von allein.

Oft genug kommen sie aber nicht zustande, wenn Menschen nebeneinander wohnen, die einen anderen Lebensstil und Tagesrhythmus haben und sich schon allein deshalb kaum Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme bieten. Menschen, vor allem Ältere, sind jedoch darauf angewiesen, im Wohnalltag sozial eingebunden zu sein. Viel zu oft vereinsamen sie in der Gesellschaft. Dabei kann es eine Rolle spielen, ob sie Kinder haben oder nicht und ob ihre Kinder lokal verfügbar sind.

Professor Dr. Dr. Klaus Dörner ist einer der Vordenker, wenn es um die Entwicklung neuer Potenziale in der sozialen Gestaltung von Gemeinwesen geht. Im Jahr 2013 wurde er runde 80 Jahre alt – und ist immer noch auf Achse, um seine Vorstellungen von den Chancen des demographischen Wandels und von einer Zeitenwende im Verhältnis des privaten zum professionellen Hilfesystem vor allem im Alter zu vermitteln. Mit der Begrifflichkeit des „dritten Sozialraums“ hat er die Kraft bürgerschaftlicher Selbsthilfe in Sachen sozialer Gestaltung auf den Punkt gebracht: Die Gemeinschaft von engagierten Bürgerinnen und Bürger die zunehmend stärker neben das familiäre und das professionelle Hilfesystem tritt. Er ermutigt diese neuen Akteure nicht nur dazu, sich in die Gestaltung des Sozialen einzumischen, sondern vor allem dazu,  dies radikal in ihrem Sinn zu verändern. 

Weil sich das quantitative Verhältnis der älteren zur jüngeren Gesellschaft ändert, muss sich auch das gewohnte Bild vom sozialen Verhältnis der Generationen zueinander ändern. Heute gilt: Immer weniger junge Menschen, die Hilfe geben können, stehen einer größeren Gruppe von alten Menschen gegenüber, die Hilfe benötigen. Daher besinnen sich ältere Menschen stärker auf ihre Selbsthilfekräfte. Sie schaffen Netzwerke, in denen sie sich gegenseitig unterstützen. Denn alt ist schon längst nicht mehr gleichbedeutend mit hilfebedürftig. Junge Rentner z.B. suchen häufig noch Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie organisieren Freizeitangebote oder unterstützen deren Durchführung; sie besuchen ältere Menschen oder begleiten sie zum Einkaufen oder ins Restaurant. Soweit sie noch agil sind und vielleicht etwas Geld dazuverdienen möchten, verrichten sie auch bezahlte Arbeiten im Haushalt oder führen kleine handwerkliche Dienstleistungen aus. So fühlen sie sich als nützliche Mitglieder der Gesellschaft und bleiben geistig und körperlich rege.

Von sorgenden Gemeinschaften

Diese Potenziale, die aus den Chancen eines langen Lebens entwickelt und für Nachbarschaftsbildung genutzt werden können, werden heute noch nicht ausreichend erkannt und gefördert. Organisierte Nachbarschaftshilfen (über bürgerschaftlich getragene Vereine und Genossenschaften oder über institutionelle Träger) können verlorengegangene Nachbarschaftszusammenhänge dort ersetzen, wo sie bröckeln oder schon ganz fehlen. Wenn sie verlässlich aufgebaut sind, sind sie geeignet, sogar pflegebedürftigen Menschen mit größerem Hilfebedarf die Möglichkeit zu eröffnen, länger in der eigenen Häuslichkeit zu leben: Zeit, Zuwendung, persönliche Ansprache und Anteilnahme sind gerade für Menschen im Alter bei drohender Vereinsamung wichtige Bausteine und Hilfen für eine Teilhabe am sozialen Leben.

Eine mittlerweile große Zahl von renommierten Wissenschaftlern vertritt die These, dass die Zukunft von Städten und Dörfern eng verbunden sein wird mit der Entwicklung von nachbarschaftlichen Strukturen. Derzeit wird von einer Expertenkommission der 7. Altenbericht erarbeitet, der sich mit dem Thema der „caring communities“, befasst, der sog. „sorgenden Gemeinschaften“. Behandelt werden dort förderliche Strukturen für die Generierung von „Ehrenamt“, von bürgerschaftlicher Selbsthilfe, von bürgerschaftlichem Engagement und Nachbarschaften und von ihrer Bedeutung  für den sozialen Zusammenhalt von Gemeinwesen.

Denn bürgerschaftliches Engagement als Element sozialer Gestaltung braucht Strukturen, um erfolgreich zu sein. Dabei spielen Kommunen eine entscheidende Rolle. Deren Aufgabe besteht darin, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, damit bürgerschaftliches Engagement wirksam werden kann: z.B. durch zentrale Ansprechpersonen in der Verwaltung, durch Hilfen bei der Öffentlichkeitsarbeit bzw. bei der Teilnahme an Wettbewerben, bei der Herstellung von Kontakten zu wichtigen Akteuren vor Ort. Wenn Kommunen Räumlichkeiten für Treffen und Bürotätigkeiten sowie Unterstützung bei der Fort- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen und vieles mehr bereitstellen, dann erleichtern sie es Interessierten, sich zusammen zu tun. Das sind meist kommunale Aktivitäten, die nicht mit hohem Finanzmittelbedarf verbunden sind.

Einige Kommunen in der Bundesrepublik haben das schon erkannt: Sie fördern nachbarschaftliche Initiativen, um Menschen mit Pflegebedarf zu Hause, im Quartier oder in neuen Wohnformen bürgerschaftlich zu unterstützen. Andere unterstützen Bürgerinnen und Bürger, die praktische Hilfen im Alltag (im Haus, im Garten, beim Einkauf, bei Arztbesuchen u.ä.) für ältere Personen organisieren möchten. Immer haben diese bürgerschaftlich getragenen Selbsthilfeaktivitäten auch andere positive Effekte:  Neben den sozialen Kontakten für diejenigen, die Hilfe erhalten, geben sie den Helfern das Gefühl, eine soziale Verantwortung zu tragen und damit ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Und sie generieren soziale Qualitäten in Quartieren.

Die Förderung von bürgerschaftlich getragener Selbsthilfe und von neuen Nachbarschaften wird mithin zu einer bedeutsamen Aufgabe, wenn es darum geht, das Soziale neu und zukunftsorientiert zu gestalten. 

Links und Tipps