Wohnen und Pflege im Quartier

Wohnen und Pflege im Quartier

Im demographischen Wandel werden sich die Bedarfe an Wohnen und an die Ausgestaltung von Quartieren ändern. Dafür sind vor allem zwei Entwicklungen von Bedeutung: das veränderte Verhältnis der Generationen zueinander und die Entstehung einer neuen Lebensphase - das neue Altern. Lassen wir an dieser Stelle einmal die volkswirtschaftlichen Fragen beiseite, die sich aus dem neuen Verhältnis von erwerbstätigen und nicht mehr erwerbstätigen Personen ergeben, sondern befassen wir uns hier vorrangig damit, welche Auswirkungen das auf der lokalen Ebene haben wird: dort, wo wir leben und wohnen - im Quartier.

Schon bei der Betrachtung des heutigen Angebotes an Wohnungen stellt sich die Frage, ob dieses zukunftsfest gestaltet ist: Erfüllt es die Anforderungen einer deutlich steigenden Anzahl von Menschen, die älter werden und die in ihrer Wohnung bleiben möchten oder was ist zu tun, um dies zu ermöglichen?

Das Gleiche gilt für Quartiere: Bieten sie Wohnraum für eine soziale Mischung, für unterschiedliche Generationen und Lebensformen oder sind sie noch auf die klassische Familie fixiert? Denn das war das ausdrückliche Ziel des geförderten Wohnungsbaus bis in die 90er Jahre hinein. Haben wir vor Ort Wohnvielfalt, also Wohnraum für Alleinlebende, Alleinerziehende, Paare, Paare mit Kindern? Wie ist es für Menschen mit angeborenen und erworbenen Behinderungen und für Ältere? Können diese auch dann, wenn sie körperliche und geistige Einschränkungen haben, selbstbestimmt und sozial integriert leben?

Und vor allem auch: Was passiert im Pflegefall? Gibt es Alternativen zum Pflegeheim? Ist die damit oft genug verbundene Ausgrenzung quasi naturgesetzliche Folge und unvermeidlich? Oder ist auch sie das Ergebnis einer nicht mehr zeitgemäßen Versorgungsideologie? Und: Sind klassische Heime reformbedürftig und reformfähig? Aber: Wie sehen die Alternativen aus? Kann man auch zu Hause gepflegt werden: in neuen Wohn-Pflegeformen und unter Einbeziehung von bürgerschaftlicher Selbsthilfe und Hilfe?

Und das alles unter den Gesichtspunkten von Selbstbestimmung und Teilhabe betrachtet. Oder unter dem Gesichtspunkt bewertet: Wie möchte ich selbst leben, wenn ich existenziell auf fremde Hilfe angewiesen bin und diese nicht (mehr) aus dem familiären Kontext geleistet werden kann? 

Wohnberatung und Wohnraumanpassung

Fragt man Menschen, wie und wo sie im Alter wohnen wollen, sagen die meisten: in ihrer angestammten Wohnung und damit meinen sie auch in ihrem Wohnquartier. Die Wohnwirklichkeit im Alter sieht anders aus. Der bisher genutzte Wohnraum zeigt dann seine Unzulänglichkeiten: Größtes Hemmnis ist die fehlende Barrierefreiheit. Auch wandeln sich im Alter die Ansprüche an das Wohnquartier. Im Einzelnen kann die Situation an verschiedenen Orten gänzlich unterschiedlich sein: in Städten und auf dem Land, in prosperierenden und schrumpfenden Regionen. Es gibt also keine einfachen Lösungen, die für alle gelten.

Besonders für ältere Menschen ist es lebenswichtig, sich ohne Hindernisse in ihrem Dorf oder ihrem Stadtteil bewegen können. Will man, dass sie selbständig am Leben in ihrem Quartier teilnehmen können, braucht es sichere Wege, ausreichend Sitzgelegenheiten, einen funktionierenden Nahverkehr, gut erreichbare öffentliche Einrichtungen, Versorgungsangebote für den täglichen Bedarf und Nachbarschaftstreffs, um nur Einiges zu nennen.

Eine große Herausforderung stellt die Hardware des Wohnens an ältere Menschen: die Ausstattung von Wohnraum und Quartieren. Bewegungsfreiheit innerhalb von Gebäuden und Wohnungen sind Grundvoraussetzungen für eine hohe Wohn- und Lebensqualität. Nur dort, wo dies der Fall ist, können Menschen auch dann in ihren vertrauten Wohnungen bleiben und sich im Quartier ohne fremde Hilfe bewegen, wenn sich im Laufe ihres Lebens durch einen Unfall oder im Alter körperliche Beeinträchtigungen einstellen sollten. Heute spricht man von „Universal design“, frei übersetzt von Wohnraum und Quartieren für alle Lebenslagen.

Die Realität sieht anders aus: Nur wenige Gebäude sind barrierearm oder barrierefrei ausgestattet. Für die älter werdende Gesellschaft ist das eine zunehmende Belastung. Es müssten nach groben Schätzungen von Fachleuten zwischen 2,5 bis 3 Millionen Wohnungen generationengerecht nachgerüstet werden. Das gilt nicht nur für Mietwohnraum, sondern auch für Eigentumswohnungen und Wohnhäuser in jeder Form. Wohnraumanpassungsmaßnahmen in großem Stil vom Zugang ins Gebäude bis hin zu barrierefreien Bädern sind ein Gebot der Stunde. Das wird nicht ohne Förderung möglich sein und es muss erwartet werden, dass dafür öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Vielleicht sind da neuere Erkenntnisse von Fachleuten hilfreich, die errechnet haben, dass derzeit bundesweit jährlich rund 5 Mrd. Euro ausgegeben werden, weil Menschen aus baulichen Gründen ihr selbständiges Wohnen aufgeben und in Heime übersiedeln.

Nehmen wir den Wunsch von vielen älteren Menschen nach längstmöglichem Verbleiben in der angestammten Wohnung und in ihrem Quartier Ernst und schauen wir auf die unerwünschten Folgen für die Gesellschaft, wenn die Menschen umziehen müssen, dann ist eine flächendeckende Wohnberatung eine erste aber gleichwohl wesentliche und zugleich kostengünstigere Hilfestellung als ein zu früher Umzug in ein stationäres Angebot.

Wohnangebote für alle Lebenslagen

Wohnquartiere sollten Menschen in allen Altersstufen und in verschiedenen Lebensformen die Möglichkeit geben, eine ihren Wünschen entsprechende Wohnung zu finden: große Wohnungen für Familien, kleinere für Singles und Paare, adäquat ausgestatteter Wohnraum für Ältere und für Menschen mit Behinderungen. Ein differenziertes Wohnangebot ist Grundvoraussetzung für eine langfristig tragfähige soziale Mischung im Wohnviertel. Dazu zählen auch Angebote für die Vielzahl neuer Lebensformen wie z.B. Wohngemeinschaften und Patchworkfamilien, Mehrgenerationenprojekte und selbst gewählte Nachbarschaften.

Nicht zuletzt geht es darum, Menschen mit besonderen Wohnanforderungen zu integrieren: solche, die im Service-Wohnen, in betreuten Wohngruppen oder Pflege-Wohngemeinschaften leben wollen oder müssen. „Inklusion“ nennt man das heute und das heißt, dass alle Menschen, egal mit welchen Handicaps das Recht haben, so „normal“ wie irgend möglich und mitten in der Gesellschaft zu leben. Niemand sollte sein vertrautes Wohnviertel verlassen müssen, nur weil sich seine Lebenssituation verändert.

Quartiere sind mehr als Wohnorte. Sie sind vor allem auch Lebensräume, in denen Menschen sich wohlfühlen sollten. Gute Angebote zur Nahversorgung kennzeichnen gute Wohnquartiere. Lebensmittelläden, Postfilialen, Banken, Apotheken, Ärzte, Frisöre, Schulen, Freizeiteinrichtungen gehören zur Grundversorgung. Sie bieten Gelegenheit zu sozialen Kontakten, stärken Nachbarschaften und erhöhen die gefühlte und tatsächliche Sicherheit. Das gilt selbstredend auch für ländliche Regionen, auch wenn man sich dort daran gewöhnt hat, dass man mobil sein muss, um sich versorgen zu können. Das bedeutet, dass dort Menschen mit Mobilitätseinschränkungen besonders benachteiligt sind. Wo sich also die Grundversorgung wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit aus Stadtteilen und Gemeinden ausdünnt, müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Die Zukunft des Wohnens nicht nur für ältere Menschen liegt daher darin, mehr Angebotsvielfalt im Wohnen und generationengerecht ausgestattete Quartiere für alle Lebenslagen zu schaffen. 

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